Stellungnahme

Stellungnahme zur Veröffentlichung des „Plastikatlas“ von Heinrich-Böll-Stiftung und BUND im Juni 2019 geTon-Faktencheck zum Plastikatlas der Böll-Stiftung

By 12. Juni 2019 No Comments

„Lektionen“ zu Plastik springen zu kurz – Recycling ist jede Anstrengung wert

Im jüngst erschienenen „Plastikatlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung (Parteistiftung von Bündnis 90/Die Grünen) und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fehlen aus Sicht von geTon einige zentrale Aspekte und Daten. Das Fazit des 52 Seiten starken Atlanten ist: Plastik sei grundsätzlich und von vornherein umweltschädlich.

Das geht am tatsächlichen Problem, das Plastikabfälle in aller Welt verursachen, zum Teil vorbei. Denn Plastik ist aufgrund von Hygiene, Qualitätssicherung und Praktikabilität zur Lebenswirklichkeit geworden, die sich nicht mit einem Federstrich wegdefinieren lässt. Das ernsthafte Dilemma, das der wachsende Konsum und die damit einhergehende steigende Menge von Kunststoffen weltweit auslösen, kann nur durch intelligente Strategien, funktionierende Kreislaufwirtschaft, moderne Technik und einen Bewusstseinswandel in Wirtschaft und Bevölkerung bewältigt werden.

  • Der Atlas jongliert mit Zahlen, die wissenschaftlich nicht vergleichbar sind. So seien nur 15,6 % der Kunststoffabfälle in Deutschland wiederverwertet worden. Das stimmt nicht: Das Umweltbundesamt berichtet, dass 2016 insgesamt knapp 2,4 Mio. t PC-Kunststoffabfälle verwertet wurden, davon wurden knapp 63 % einer werkstofflichen Verwertung zugeführt. Das bedeutet: keine Verbrennung. Den dualen Systemen werden entsprechend 1.17 Mio. t Verwertungsmenge zugeschrieben, davon gut 37 % werkstoffliche Verwertung. In Deutschland halten wir uns also an Recht und geltendes Gesetz – aber wir müssen besser werden. In den meisten anderen europäischen Ländern gibt es entsprechende Sammelstrukturen noch gar nicht.
  • Im Industrieland Deutschland erhalten die Kommunen von den dualen Systemen jährlich einen Millionenbetrag dafür, dass sie ihre Bürger über effizientes und umweltgerechtes Recycling informieren. Das funktioniert in manchen Kommunen besser als in anderen. Auch hier müssen wir besser werden, denn Vermüllung und Verschmutzung in Gelben Säcken und Tonnen führen dazu, dass sich deren Inhalt mancherorts kaum noch recyceln lässt.
  • Die öffentliche Hand mit einem Nachfragevolumen von jährlich nahezu 400 Milliarden € hat dagegen eine riesengroße Chance: Wenn sie entsprechend ihrer eigenen Leitlinie grün einkaufen würde (Green Public Procurement, in Paragraph 45 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes vorgeschrieben). Kaufte sie Produkte, die aus Rezyklaten bestehen und recycelbar sind, entstünde ein gigantischer Schub für das gesamte Recyclingsystem.
  • Mit §13 VerpackG nimmt der Gesetzgeber erstmals die Verbraucher aktiv in die Pflicht, ihre Verpackungsabfälle zu trennen. Während Hersteller und Handel recyclingfähige Verpackungen zu entwickeln haben, Mehrweg wieder fördern und Vermeidungswege finden sollen, ist der Verbraucher verpflichtet, die Verpackungen in die richtigen Entsorgungswege zu sortieren.
  • Im Plastikatlas geht es auch um die Exporte von Plastikmüll nach Asien, insbesondere China. Richtig ist: Bis Anfang 2018 sind Papier- und Kunststoffabfälle nach China geliefert worden, weil das Land den Müll in großen Mengen zum Recycling und zur Herstellung neuer Kunststoffprodukte bestellt und gekauft Die Transporte waren zertifiziert und nicht illegal. Illegale Transporte und nicht sachgemäße Verarbeitung vor Ort sind selbstverständlich zu unterbinden. Vor allem aber: Nach Angaben des Umweltbundesamtes werden 98 Prozent des Inhalts der Gelben Tonne in Europa weiterverarbeitet, der allergrößte Teil in Deutschland. Nach Asien wurden vor allem Produktionsrückstände aus der Industrie geliefert. Der Gelbe Sack aber bleibt hier und wird ordnungsgemäß verwertet!

Bedauerlich ist, dass der Plastikatlas die Kreislaufführung von Plastik schlecht redet.  Dabei ist Recycling jede Anstrengung wert. Es schont wertvolle Ressourcen und vermeidet CO2-Emissionen bei der Weiterverarbeitung. Jede Tonne Plastik, die keinen neuen Kohlenstoff aus der Erde mobilisiert – und damit die CO2-Last der Atmosphäre erhöht -, sondern die auf bereits im Umlauf befindliches Material zurückgreift, trägt aktiv zum Klima- und Ressourcenschutz bei.